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Tagebücher


„Warum Tagebuch schreiben?“

 

Die Literaturwissenschaft spricht von sog. „echten“ und sog. „unechten“ Tagebüchern. 

Wie unterscheiden sie sich? Ein „echtes“ Tagebuch gleicht einem Dialog mit sich selbst. Es ist vorerst nicht zur Veröffentlichung bestimmt, wird es jedoch oft nach dem Tod des Schrei-bers. Wie hätte man auch sonst von ihnen erfahren?

Die „unechten“ Tagebücher dagegen verfolgen von Anbeginn das Ziel, veröffentlicht zu wer-den. Sie werden darum als literarische Form betrachtet, und viele stammen von Schriftstel-lern und Dichtern.

Für beide Richtungen gilt die Frage: Warum Tagebuch schreiben?

Man nimmt sich Zeit, schlägt eine Kladde auf und öffnet sich für Worte, die aus dem Inneren strömen. Das Gedächtnis liefert den Stoff für einen Text, der nicht unbedingt vorher bedacht sein will. Man erinnert sich nur, lauscht seinem Gefühl und kommt ihm auf die Spur. Man blockiert sich nicht mit Zweifeln, und was unangenehm aufsteigt, wird zugelassen und even-tuell gar nicht erst zu Ende gedacht. Man vertraut sich selbst. Der Partner ist imaginär, ist das Papier. Das lockt und fordert heraus, weil es noch unbeschrieben, weiß und jungfräulich ist, sich als Platz des Vertrauens anbietet. Der Mensch mit seinen Stimmungen und Eindrü-cken offenbart sich einer potentiellen Menschheit gegenüber. 

Wir alle durchleben im Alltag einen Morgen, einen Mittag, einen Nachmittag und einen Abend. Die einen sind Morgenmenschen, die anderen sehen sich als Abendmenschen. Man lebt allein, als Single oder in der Familie. Man ist krank oder gesund, verliebt oder entliebt, steckt in beruflichen Zwängen oder befindet sich selbstbestimmt in Verantwortungen, die das Tagesmaß übersteigen. Man „ist wer“ oder „wie alle“. Die Einen heben sich aus der Masse heraus, die anderen sind Masse – aber alle haben (hätten) etwas zu berichten und haben (hätten) die Möglichkeit, uns an ihrem Leben teilhaben zu lassen, denn jeder hätte etwas anderes zu erzählen. 

Ein Tagebuch ist also für alle da! Und das macht es auch so beliebt. Da muss nicht zuvor ein Studium absolviert worden sein, da muss nicht der Drang zur Schriftstellerei vorliegen, da braucht man einfach nur Bäuerin oder Arbeiter zu sein, kann aber auch Künstler oder Wis-senschaftler sein. In diesem Wunsch, ein Tagebuch zu führen, sind sie alle gleich. Und wa-rum: Weil das Leben vergänglich ist.

Tagebücher sind Gespräche unter vier Augen – und wer lauscht diesen nicht gern? Tagebü-cher sind Leben pur, sie zu schreiben und zu lesen bedeutet, gegen das Vergessen anzuge-hen.

Alles Tagebuchhafte trägt eine unsichtbare Aufschrift, die da lautet: „lies mich, ich bin furcht-bar interessant“. Und warum schreiben die einen Tagebuch und anderen lehnen es katego-risch ab? So zum Beispiel mit dem Argument: wen geht es etwas an, was ich denke und füh-le? Oder, wenn man Pech hat und z. B. mit einem Schreibmuffel verheiratet ist: warum er-zählst du mir nicht, was du zu sagen hast, dafür bin ich doch da?

Das Bedürfnis, sich einem Tagebuch anzuvertrauen, beginnt oft schon in einem sehr frühen Alter. Es ist in der Regel der Einstieg in die Pubertätsjahre. Wenn Gefühle auftauchen, die man nicht mehr mit den Eltern, Geschwistern oder Freunden besprechen möchte oder kann, wie wohltuend, wie befreiend ist es dann, so ein Tagebuch zur Seite zu haben, zumal man diesem ja auch noch einen Namen geben kann. Eines der berühmtesten Kindertagebücher ist das der Anne Frank. Sie schreibt an „Kitty“, die fiktive Freundin, die sie zu jener Zeit im Leben nicht hatte. Als mir mit 13 Jahren ihr Tagebuch durch eine kluge Bibliothekarin in die Hände gelegt wurde, habe ich es Anne Frank gleichgetan und meine unsichtbare Freundin „Lissy“ genannt. Mein Alltagsleben mit all seinen verwirrenden Gefühlswallungen habe ich ihr anvertraut. Es entwickelte sich in mir der Drang zum Schreiben. So können Tagebücher auch Schicksal spielen. 

Tagebücher können aber auch etwas anderes berichten: Nach dem Tode eines Schreibers enthüllen sie z. B. Geheimnisse über stille und heimliche Lieben, über Verbindungen, die die Verwandtschaft nicht im geringsten ahnte, über Hintergründe und wahre Leidenschaften, die man den engsten Verwandten vorenthielt u. a. m. – Nicht umsonst hat jeder Tagebuch-schreiber das Recht festzulegen, was mit seinen Tagebüchern nach seinem Tode geschieht, und das sollte auch respektiert werden. Bleibende „Schäden“ kann es anrichten, wenn schon in jungen Jahren  Tagebuchschreiber durch Verbote daran gehindert werden, sich frei zu schreiben oder spätere Ehepartner die Tagebücher aus vorehelicher Zeit zu vernichten ver-langen, damit nichts zwischen ihnen stehe. Es ist also eine heikle Sache – so ein „echtes“ Tagebuch – und kann viel Unruhe auf beiden Seiten stiften.

Warum also trotz all dieser Probleme dennoch ein Tagebuch schreiben? An dieser Stelle – so behaupte ich – kommen sich der Schriftsteller und der „Nur-Tagebuchschreiber“ nahe, denn sie können nicht anders, sie müssen schreiben. Ein starker innerer Drang bringt sie dazu; eine Leidenschaft, die einer Droge gleicht; ein Verlangen, das nicht bremsbar noch wegdenkbar ist. 

Für das Tagebuch findet man viele Bezeichnungen, die aussagen, was es dem Einzelnen ist und dem Lesenden sein kann: ein Zeitbuch, ein Lebensbuch, ein Geheimnisträger, ein „Ab-falleimer“ für den Seelenmüll, ein Seelenputzer, eine Redekur, eine Selbsttherapie, ein Ver-gangenheitsbewahrer, eine Erinnerungshilfe, eine Brücke zwischen Innen- und Außenwelt usw. Erich Kästner spricht von der „gewesenen Präsens“, und nicht nur Psychologen sehen im Tagebuch die psychoanalytische Couch.

In all dem Gesagten steckt also ein wenig der Gedanke, dass nur derjenige ein Tagebuch schreibt, der mit Problemen beladen ist oder von Konflikten heimgesucht wird. Schreibt man nur dann ins Tagebuch? Schreiben Menschen, denen es (immer) gut geht, gar kein 

Tagebuch? Dieser Frage kann man wohl nur statistisch nachgehen, aber es ist meines Er-achtens darüber noch keine Statistik erfolgt. Interessant wäre es schon, zumal man damit auch abermals bestätigen könnte, dass das Schreiben von einer hohen therapeutischen Wir-kung ist.

Das Tagebuch hält die Verbindung von mir zu mir. Tagebuchautoren folgen der Intuition und ihren Gefühlen und das sensibilisiert sie.

Nun stelle ich die Frage einmal von einem anderen Blickwinkel, nämlich dem des Lesers. Warum greifen Leser so gern zu Tagebuchaufzeichnungen, seien sie vom Privatmann oder von Literaten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens? Zwischen den Zeilen erkennt der Leser das Mysterium des menschlichen Lebens, um es mit dem Verfasser zu teilen. Und, der Leser will immer auch ein wenig vom Chaos des Lebens spüren, denn im Tagebuch wird ausgedrückt, was bedrückt. Es erfolgt eine Hinwendung vom Innen- zum Außenleben. So wie es im Autor eine gewisse Neugier auf sich selbst weckt, so wird diese vom Autor auf den Leser übertragen, der nun in Kommunikation mit dem Autor tritt. Für beide, Autor wie Leser, wird das Tagebuch zu einem meditativen Gegenstand, der Autor übt sein Schreiben im Ta-gebuch meditativ aus, der Leser lässt das Gelesene meditativ auf sich wirken. Etwas zur Sprache bringen heißt schon Überleben und an diesem Überleben sind beide beteiligt, der Autor und der Leser.

Bei aller Verständlichkeit und allem Verständnis für Tagebuchschreiber und Tagebuchleser möchte ich es nicht versäumen, mich auch dieser Frage zu stellen: Verliert das Tagebuch dann nicht seinen Sinn, wenn es von anderen gelesen wird?

Der französische Maler Paul Gaugin begann sein Tagebuch z. B. mit der Bemerkung: „Das ist kein Buch.“ Es sollte den zukünftigen Leser darauf hinweisen, dass es sich hier um keinen Roman, keine Erzählung handelt. Dabei sind die Grenzen doch fließend, denn alle Tage-buchtechniken finden ihre Entsprechungen in der Literatur. Tagebuchschreiben kann so auch eine Vorstufe zum literarischen Schreiben sein. Das Tagebuch ist frei von allen Regeln. Alles ist hier dem Schreibenden möglich, wenn er sich nur im natürlichen Fluss befindet, von Spontanität getragen und durch Intuition gespeist wird.

Es gibt drei Gruppen, die sich dem Genre Tagebuch zuwenden. 

1. Den Tagebuchschreiber. 

2. Den Tagebuchleser. 

3. Den Tagebuchauswerter.

Letzteren finden wir unter Historikern, Ethnologen, Soziologen, den Germanisten und vielen Museumspädagogen, um die wichtigsten Gruppen benannt zu haben.

Tagebücher, von den Schreibern nach Jahren wieder gelesen, lassen Erinnerungen lebendig werden. Tagebücher speichern also Erinnerungen; Erinnerungen, die sich sowohl auf die Gefühle wie auch auf die Handlungen und Tatsachen beziehen. Für Menschen, die beruflich Tagebücher lesen und verwerten, sind diese ein wahrer Schatz, weil sie die Kultur, Werte, Meinungen, Bedürfnisse und Sitten verschiedener Jahrhunderte, Berufs- und soziologischer Gruppen widerspiegeln.

Das Tagebuchschreiben ist in den vergangenen Jahrzehnten immer populärer geworden. Es wird nicht aufhören, solange es Menschen gibt, die ihre Kreativität ausleben wollen, die sich selbst auf der Spur sind, getreu der Aufforderung: „Erkenne dich selbst“ – Worte, die am An-fang der antiken Welt standen. Über dem Eingang in die Moderne aber steht – und das hat bereits Oscar Wilde erkannt – „Sei du selbst!“, und dazu gehört das freie Assoziieren mit Worten – und sei es im Tagebuch.

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